Das Multifunktionsinstrument am Steuerstand zeigt 412 Stunden. Das Steuergerät des F200 meldet 655. Der Verkäufer zuckt mit den Schultern, er habe das Boot so gekauft. Solche Abweichungen sind häufiger, als man denkt, und sie sind nicht automatisch ein Zeichen für Betrug. Man muss aber wissen, welche Zahl woher kommt, sonst zieht man den falschen Schluss.
Zwei Zähler, die nichts voneinander wissen müssen
Das Instrument am Steuerstand und das Steuergerät am Motor sind zwei getrennte Geräte. Das Instrument zeigt Stunden an, die es entweder selbst zählt oder vom Motor übernimmt, je nach Ausstattung und Alter. Das Steuergerät dagegen zählt am Motor mit, und zwar bei vielen Yamaha-Motoren aufgeteilt nach Drehzahl in sieben Bereichen, von unter 1000 bis 7000 U/min.
Die Stunden im Steuergerät gehören also zum Motor. Sie wandern mit, wenn der Motor auf ein anderes Boot umzieht. Die Stunden im Instrument gehören zum Steuerstand und bleiben im Boot, wenn der Motor gewechselt wird.
Das Steuergerät zeigt mehr als das Display
Das ist der häufigste Fall, und meistens ist er harmlos. Die üblichen Gründe:
- Das Instrument wurde irgendwann getauscht, etwa nach einem Wasserschaden oder beim Nachrüsten eines neueren Displays. Es fängt dann bei null an oder bei dem Stand, den es aus einem anderen Boot mitbringt.
- Der Motor stammt aus einem anderen Boot. Bei einer Neumotorisierung mit einem gebrauchten Motor bleibt das alte Instrument oft an Bord.
- Das Boot hatte eine Zeit lang gar kein Instrument, weil es mit Pinne oder einer einfachen Fernbedienung gefahren wurde.
Für die Beurteilung des Motors ist hier die Zahl aus dem Steuergerät die relevantere. Sie sagt dir, was der Motor wirklich hinter sich hat.
Das Display zeigt mehr als das Steuergerät
Das ist seltener und verdient eine Nachfrage. Der naheliegende Grund: Das Steuergerät wurde getauscht, nach einem Defekt oder nach einem Wasserschaden unter der Haube. Ein neues oder gebrauchtes Steuergerät bringt seinen eigenen Zählerstand mit. Auch ein getauschter Motor kommt in Frage, wenn der neue weniger gelaufen ist als der alte. Beides ist legitim, sollte sich aber mit Rechnungen belegen lassen.
Ein banaler Fall kommt bei Booten mit zwei oder drei Motoren dazu. Das Display zeigt oft nur die Stunden eines Motors, und beim Auslesen erwischt man den anderen. Klär also zuerst, welcher Motor auf dem Display steht, Backbord, Steuerbord oder Mitte, und vergleich dann genau dieses Steuergerät.
Wenn nichts zum Serviceheft passt
Am meisten sagt der Abgleich mit dem Serviceheft oder den Rechnungen. Viele Werkstätten notieren bei jedem Service die Stunden. Liegen dort 300 Stunden für den vorletzten Ölwechsel, und das Steuergerät zeigt heute 280, stimmt etwas nicht. Liegen die Einträge im Heft dagegen sauber unter der Zahl im Steuergerät und wachsen gleichmäßig, ist die Geschichte stimmig, egal was das Display sagt.
Lies die Stunden mit M-JET DIAGNOSTIC direkt am Diagnoseanschluss aus. Das dauert ein paar Minuten, braucht keinen Laptop und funktioniert auf dem Trailer, solange eine Batterie dranhängt. Wie die Verteilung nach Drehzahl zu lesen ist, steht unter Betriebsstunden auslesen. Bei zwei Motoren am Heck liest du beide Steuergeräte einzeln aus, die Seite Doppelmotorisierung beschreibt, worauf du dabei achtest.
Eine Abweichung ist noch kein Urteil
Ich würde eine Stundendifferenz nie allein zum K.-o.-Kriterium machen. Ein Motor mit 650 echten Stunden und lückenlosem Serviceheft ist mir lieber als einer mit 300 Stunden, über den niemand etwas weiß. Wichtiger als die Zahl ist, dass sie erklärbar ist.
Also: beide Zahlen notieren, Serviceheft daneben legen, Fehlerspeicher gleich mitlesen. Und dann die Frage an den Verkäufer stellen, die in solchen Fällen am meisten bringt. Wurde am Motor, am Steuergerät oder am Instrument jemals etwas getauscht, und gibt es dazu Papiere?